Fünftes Kapttel. Die Stätte der Wiborada⸗Derehrung.

Der Name St. Georgen, als Aufenthaltsort der Heiligen genannt, tritt in der Entwicklung ihrer Verehrung ſo häufig auf, daß man das Tal am Ufer der jungen Steinach ober⸗ halb St. Gallens einfach als die „Stätte der Wiborada⸗Ver⸗ ehrung“ bezeichnen darf.

Sie hat im Einſiedler Konventualen P. Juſtus Landolt, dem ehemaligen Spiritual von Notkersegg, bereits ihren liebe⸗ vollen Biographen gefunden. Dieſer gibt in einer Beilage zum geſchichtlichen Teil ſeines Gebetbüchleins ein vollſtändiges Verzeichnis ſämtlicher Frauen und Schweſtern des Wiborada- klofters zu St. Georgen von 912 bis 1834. Was uns in dieſer aus den Nekrologien gezogenen 158 Namen über⸗ 5 raſcht, ift die Tatſache, daß um die hl. Martyrin ein Kreis von edlen Jungfrauen ſich ſcharte, die mit dem Namen „Selige“ uns vorgeführt werden.

Dem 10. Jahrhundert, alſo dem Zeitalter der heiligen Wiborada, gehören die ſl. Bertrade und Kebenina an, die 1 beide als Klausnerinnen in St. Georgen lebten und daſelbſt ihre Ruheſtätte fanden. Die ſl. Rachildis wird Kebeninas Gefährtin genannt. Die fl. Kerhilde lebte in St. Mangen und in St. Georgen. Den Schluß dieſer edlen Jungfrauen bilden die ſelige Kotelinde und Haberilla, welch' letztere in

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Bregenz begraben wurde. Angenehm berührt ferner die pietätsvolle Beobachtung, daß der Name Wiborada im Laufe der Jahrhunderte unter den Klausnerinnen und den Schweſtern des Frauenkloſters St. Georgen ſtets auftaucht.

Das Millenarium der Heiligen hat die Erinnerung an die Waldſchweſtern und Kloſterfrauen von St. Georgen wieder wachgerufen. Es handelt ſich nicht um eine geſchichtliche Frage einzig, die der Vergangenheit angehört, ſondern um die Beleuchtung literariſcher Denkmäler, die ſich bis in die Gegenwart erhalten haben, welcher Mühe ſich der junge Hiſtoriker H. H. Vikar P. Stärkle in den folgenden Aus⸗ führungen unterzogen hat. 8

A. Die Handſchriften des ehemaligen Kloſters Wiborada zu St. Georgen.

Die Sorge für die Schweſtern von St. Georgen geht aus den Stiftungen des Jahrzeitbuches von St. Laurenzen im Stadtarchiv von St. Gallen hervor. Eine ſolche von Werner Hund vom Jahre 1303 erwähnt nur eine Klausnerin, die mit 3 Pfennig bedacht wird. Heinrich Bolers Jahrzeit (1318) kennt deren zwei. Nach ſpätern Jahrzeitſtiftungen von 1339 und 1397 ſoll „jeklicher der Closnerinen ein Con⸗ ſtanzerpfennig“ entrichtet werden. Während nun die Schwe⸗ ſternhäuſer von St. Leonhart, Wonnenſtein und Notkersegg im Laufe des 15. Jahrhunderts einen bedeutenden Aufſchwung nahmen, blieb die Zahl der Klausnerinnen von St. Georgen bis ins 16. Jahrhundert ſtets eine beſcheidene.

Gerade von dieſem Wiborada⸗Klöſterlein in St. Georgen ſind jedoch am meiſten ſchriftliche Denkmäler auf uns ge⸗ kommen. Die Stiftsbibliothek St. Gallen beſitzt von ihm

31 Bände wertvoller Handſchriften, wovon 24 Bände auf

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das 15., die übrigen auf das 16. und 17. Jahrhundert ent- fallen. Eine längere Nachforſchung in der Stiftsbibliothek würde wohl die Anzahl der aus dem Kloſter St. Wiborada ſtammenden Bände vermehren. Die älteſte Handſchrift (Nr. 373) trägt die Datierung 1405, eine der jüngern trägt den Vermerk 1616, manche enthalten ſchriftliche Einträge des 17. und 18. Jahrhunderts. Einige Bände zeigen intereſſante Notizen über die Geſchichte des Kloſters, ſo birgt Band 997 als hinteres Deckelblatt einen Sandfuhr⸗Rodel aus dem 15. Jahrhundert (14771487), der einige Dienſtleiſtungen aus dem der Kirche geſchenkten Steinbruch zum neuen Kirchen⸗ bau feſtſetzt. Aus einem Bildchen (Band Nr. 931) lacht der Kobold des Humors heraus:

„Das iſt Schweſter Agnes vnd trat (trägt) den Hals ſak uf der aſchlen achſel)

vnd fart dahin vnd wil gon krumen.“

Korrekturen und Anmerkungen finden ſich in ſämt⸗ lichen Handſchriften; ſie ſtammen entweder von den Bücher⸗ ſchreibern ſelbſt oder zumeiſt von einer Hand des 16., weniger

des 17. Jahrhunderts. 1. Die Erwerbung der Handſchriften.

Wie iſt das St. Wiborada⸗Kloſter in den Beſitz der 1 kung (Band Nr. 506), die wie eine Warnungstafel auf

einem innern Deckel kündet: „Wer es (das Buch) ſtiehlt

Aufhebung des Frauenkloſters St. Leonhard wohl mit den der iſt ein Dieb, ſei er Ritter oder Knecht, der Galgen ſteht

letzten Schweſtern des Konvents um die Mitte des 16. Jahr⸗ hunderts nach St. Georgen hinaufgezogen und tragen jetzt

Handſchriften gekommen? 11 Bände wurden für die Schwe⸗ ſtern in St. Georgen geſchrieben. 4 Bände ſind nach der

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keine nähere Kunde auf uns gekommen iſt. - prat beſaß ehedem das deutſche Gebetbuch 10 1 9 . Schweſter Els Vogelweider, für welche die St. Lorenzen⸗ Kirche am 26. Auguſt eine Jahrzeit beging, nannte mit ihrem Bruder Hans Bogelmeider die Handſchrift 995 früher 1 e Tante, Anna Vogelweider, Konventfrau 1 5 9 0 beſaß Band 934 als ein Geſchenk von Durch mehrere Hände iſt wohl der berühmte Band 602 gegangen, von dem manche herrliche Illuſtrationen aus dem Leben der hl. Wiborada im erſten Bändchen wiedergegeben worden ſind. Peter Eichhorn, Decan des Kloſters St. Gallen hatte anno 1546 dieſe Handſchrift um einen Spottpreis von einer Feilträgerin zu St. Gallen gekauft, worauf ſie in den Beſitz des Kloſters zu St. Georgen gelangte. Die an 9 Jahrhunderts erklären uns die enſcha i 10 5 5 8 09 eſes ſtark mitgenommenen Pracht⸗

2. Die Sorge für dieſe Schätze und deren Schreiber.

Daß die Schweſtern von St. Jör i ö i Jörgen ihre koſtbaren Handſchriften in hohen Ehren hielten, bezeugt eine un

ihm aufrecht.“ Wichtig erſcheint auch die Rechtsnachfolge der

Bücher. Zwei Bände des 15. Jahrhunderts (Nr. 967 und

noch den Namen der frühern Beſitzerin. Handſchrift Nr. 373 I 955) enthalten die ausdrückliche Beſtimmung, daß das Buch

war noch zu Anfang des 15. Jahrhunderts in den Händen der „Geiſtlichen Menſchen im Martinstobel,“ von denen

nach dem Ableben der Schweſtern ſamt der K u lauſe und allem Zubehör an das Gottshaus St. Gallen fallen ſoll, was

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bei der beſcheidenen Zahl der Schweſtern und der öfters auf⸗ tretenen Peſtgefahr nicht auffallen kann.

x Wer 50 die Bücher geſchrieben? Halten wir den

Verfaſſer und den Schreiber des Buches auseinander. Wer

wollte all' die Schreiber auskundſchaften, die bei der ver⸗

ſchiedenartigen Zuſammenſetzung der Handſchriften im bunten

Wechſel der Abhandlungen zu dritt und viert, ja manch⸗

u acht und neunt in einem einzigen Buche auftreten a ſe 1 5 Namen nennen, oder in Schweigen hüllen, alle ſind glücklich, wenn die Leſer nur ihrer im frommen Gebete gedenken.

„Bittend allzitt auch Gott für den ſchriber“, heißt es oft. Zuweilen hallt wie ein feierliches „Gloria Patri“ durch ie Blätter, die Lobpreiſung: 5 „Gott ſei gelobt ewiglich“ (Band Nr. 586); oder eine innige Bitte ſteigt nach vollendeter Arbeit empor:

„Hier hat dieſe Lehr" ein End' Gott uns ſeine Gnade ſend'!“

Ihr Schreiben war Gottesdienſt.

Von den Schreibern, die ihren Namen kundgetan oder aus ihrer Schrift erkannt werden konnten, ſeien folgende

nt: nd Brunner von Bießenhofen (Thurgau) (1405) und der Benediktiner Hans Hertenſtein (1425) bekennen fi als Schreiber der Handſchrift 373.

Konrad Sailer tritt auf als Schreiber und Binder des oft genannten Bandes 602.

In St. Georgen fehlte es nicht an kunſtbefliſſenen Schweſtern, die ſich mit Bücherabſchreiben befaßten. So hat Schweſter Els Vogelweider Band Nr. 934 geſchrieben,

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während eine unbekannte Schweſter aus dem Kloſter Sankt Leonhart uns Band Nr. 1003 gefchenkt.

Vor allem waren es die Beichtväter der Nonnen von St. Wiborada, die im Intereſſe des klöſterlichen Lebens ſich mit Bücherabſchreiben beſchäftigten. P. Joachim Cuntz ſchrieb anno 1504 für die Schweſtern eine Benediktiner⸗Regel (Band Nr. 991) und bekennt ſich als Schreiber von Band 593 (1505). Es iſt der nämliche St. Galler Mönch, der uns in der Handſchrift 546 der Stiftsbibliothek St. Gallen einen Zeugen mittelalterlicher, ft. galliſcher Choralkunſt hinter⸗ laſſen, der als zweiter Kantor des Kloſters die vor dem Gnadenbild unſerer lieben Frau im Gatter im Münſter zu St. Gallen geſchehenen Wunderzeichen aufgeſchrieben hat (1505/06 1515).

Er ſtarb am 2. März 1515.

Seine Sorge für die ihm anvertrauten Beichtkinder ſpiegelt ſich in einer liebevollen Mahnung, die er an die Handſchrift 997 geknüpft: „Ihr allerliebſten Schweſtern, ſeid nur recht ſorgfältig in der Beobachtung eurer Regel; befleißt Euch, von Tag zu Tag beſſer zu werden. So wird

meine Abrechnung vor Gott leichter werden und ihr umſo

ſicherer dem ewigen Richter nahen. Betet für die ganze heilige Kirche, für Papſt und Kardinäle, für Biſchöfe und Geiſt⸗ liche, beſonders für den Abt von St. Gallen, daß Gott ihm beiſtehe, ſowie für alle lebendigen und verſtorbenen Wohl⸗

täter, für euch und die eurem Gebete Empfohlenen, 3 Vater

unſer und 3 Ave Maria.“

P. Conrad Haller von Wil, ein anderer Konventual des Kloſters St. Gallen, der 1508 zum Prieſter geweiht, 1523 zum Kuſtos der Kirche beſtellt worden und im Alter von 35 Jahren, im Jahre 1525, das Zeitliche geſegnet

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hatte, ſchrieb anno 1517 für die Schweſtern die vielen deutſchen Predigten über St. Bonaventura's „Lignum vitae“, (Band Nr. 989) ein großes Werk, das er am 2. September des⸗ ſelben Jahres am „morgen frü vmb die drü“ vollendet hatte. Im Jahr 1522 verfertigte dieſer Schönſchreiber auch eine deutſche Notker⸗Biographie. Auch in anderen Handſchriften wie Nr. 1066 begegnet uns ſeine kräftig ſchreibende Hand. Aus allen Schreibern ragt ein Mönch hervor, der in der erſten Hälfte des 15. Jahrhunderts (1430 bis 1440) als Beichtvater der Schweſtern von St. Jörgen ſich bleibende Verdienſte um das klöſterliche Leben von St. Wiborada erworben, es iſt P. Friedrich Kölner.

Er kam 1430 auf Veranlaſſung Abt Eglofs Blarer von St. Gallen mit 5 andern Mönchen aus der Abtei Hers⸗ feld (Heſſen⸗Naſſau) ins Kloſter St. Gallen. Nachdem der Abt die von den Hersfeldern eingeführte Reformation ver⸗ worfen hatte (1440), richtete er ſeine Blicke auf die Disziplin anderer Klöſter. Wohl in dieſem Zuſammenhang können wir es verſtehen, wenn Friedrich Kölner auf Geheiß zwei

Jahre in Hornbach (Rheinpfalz) und weitere Zeit bei den Benediktinern von St. Paulinus zu Trier verweilte, um die dortige Kloſterdisziplin kennen zu lernen. Er ſtarb den 7. Februar 1451 im Kloſter St. Pantaleon zu Köln, woher er vielleicht dem Namen nach gebürtig war. Seine an⸗ hänglichkeit an ſeine ehemaligen Mitbrüder im Hochtal den Steinach beweiſt das Jahrzeitbuch des Kloſters, das den Tod ſeines frühern Konventualen mit den Worten begleitet, 5 {

Friedrich Kölner habe ftets ein Herz und eine Seele mit ſeinen ehemaligen Mitbrüdern gehabt.

Von dieſem Schreiber enthält die Stiftsbibliothek j St. Gallen 14 Bände, von denen 11 Bände den Vermerk

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Hild 17

Der Anfang der Lebensbeſchreibung der Heiligen Aus der Handſchrift Nr. 560 der Stiftsbibliothek 11. Jahrhundert

Hilderklärung Seite 66

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„für St. Jörgen“ tragen. P. Friedrich Kölner ſchrieb fie für feine ihm anvertrauten Benediktinerinnen, die er feine allerliebſten Kinder, ſeine lieben Töchter und Schweſtern in Chriſto Jeſu nennt. Auf ihre Bitten entſtanden eine Reihe von Erbauungsbüchern, zumeiſt Kopien, Auszüge und Ueberſetzungen berühmter Meiſterwerke. Gering iſt zwar das Papier, das er beſchrieben und ſchmucklos die Schrift, die in leuchtender Demut ihr mühevolles Schaffen für nichts erachtet und all' ihr Können der Hilfe Gottes zuſchreibt. So nennt ſich P. Friedrich in der Handſchrift 586, Seite 322, den „aller unnützeſten Münch“, der aus Liebe zu ſeinen

geiſtlichen Kindern, obwohl nicht gar kundig, mit der Hilfe Gottes die Ueberſetzung der Leben der St. Galler Haus⸗ heiligen zu Stande gebracht.

3. Der Inhalt der Handſchriften.

5 Namentlich durch den zuletzt genannten Schreiber wurden die Schweſtern von St. Wiborada in die Myſtik eingeführt; jene Geiſtesrichtung, welche durch Betrachtung I die geheimnisvolle Bereinigung der Seele mit Gott auf dem dreifachen Wege der Reinigung, der Heiligung, der Er⸗ leuchtung und der Vereinigung erreichen will. Es handelt ſich um die deutſche Myſtik. Neben Werken der Blütezeit (13. I und 14. Jahrhundert) finden ſich zwar auch Erzeugniffe des 15. Jahrhunderts, die weniger hohen Schwung als nüchterne Lehrhaftigkeit an ſich tragen. I Wenn auch die Töchter von St. Wiborada nicht ſelbſt⸗

tätig in dieſe Geiſtesſtrömung eingegriffen, ſo haben ſie 155 aus den herrlichen Schriften der Myſtik den Geiſt der

Nachfolge Jeſu Chriſti mit vollen Zügen eingeatmet und | fortwährend weiter gepflanzt. So erwuchs in ihnen jene 9 89 I

4 .

fiegreihe Glaubenskraft, die ſie die Stürme der Glaubens⸗ ſpaltung, die auch an ihre Kloſterpforte pochten, mutig und tapfer überwinden ließ.

4. Das religiöſe Leben der Schweſtern.

Die Fülle des Stoffes, der in den 31 ehemals dem Frauenkloſter gehörigen Handſchriften aufgeſpeichert iſt, birgt noch einen andern Wert. Sie gibt uns einen Einblick in das religiöſe Leben der Kloſterfamilie, das im Geiſt der Benediktiner⸗Regel auf Gottesdienſt und Gebet gegründet war und im Geheimnis von dem Leiden und Sterben unſeres Herrn Jeſu Chrifti kräftige Nahrung fand.

Schon am frühen Morgen begannen die Schweſtern in der benachbarten Kapelle die 7 Tagzeiten der Kirche im gemeinſamen Chorgebet und Geſang mit der Mette; mit dem Offizium wurden deutſche Gebete verbunden, deren

edle Einfachheit und tiefer Gehalt gegenüber manchen Er⸗

zeugniſſen moderner Gebetbücher wohltuend abſtechen.

Die 7 Tageszeiten gewannen umſo mehr an Andacht,

als ſie zuweilen mit den Hauptmomenten des Leidens und Sterbens unſeres Herrn verbunden wurden. Die Mette nach Mitternacht brachte den Schweſtern die Gefangennahme des

Heilands in Erinnerung. In der Prim betrachteten ſie ſeine Verurteilung, in der Terz ſeine qualvolle Geißelung, in der

Sext feine grauſame Annagelung; in der Non ſein erhabenes Verſcheiden. Die Veſper erinnerte ſie an die Kreuzabnahme und in der Dämmerung der Komplet ward er vor ihrem

Geiſte begraben. Eine weitere Abwechslung ins Tagesbrevier brachte

auch die beliebte Anbetung der ewigen Weisheit mit den

wunderbaren Leſungen und Wechſelgeſängen, ferner die An

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eigenen Offizium erweiterte. Das Kirchen

5 jahr ließ ihren Geift nicht erlahmen. An Weihnachten eilten ſie a 90 zur Krippe unter dem frommen zarten Gebete: „O du

ewiger Vater, erzeige dich in meiner Seele, damit ſie vom

un Schlaf eines fündhaften Lebens befreit und dein

heiliges Wort in der Krippe meines Herzens geiſtig ge⸗ boren werde. Mit der Kraft neuer Begierden möcht' ich dich liebliches Kind, umfangen und mit ſüßem Gedenken dein 5 Angeſicht beſchauen.“

as Feſt Chriſti Beſchneidung be i gleiteten fie mit d

Herzenserhebung: „O verleihe uns durch die Al ine Beſchneidung, daß wir mit dem ſcharfen Meſſer wahrer Reue aufrichtiger Beicht und vollkommener Buße alle unſere fünd- haften Gewohnheiten von uns ſchneiden.“ 15 e alles religiöfen Lebens war die heilige

e, aus deren überreichen Gnadenb i

Au 5 0 1 orn die Schweſtern ie meiſten Handſchriften beſchäfti

5 | gen ſich ganz oder zum Teil mit dem allerheiligſten Atotsfokrement: fe 5 als

Opfer oder als Seelenſpeiſe Beſonde | 3 re Belehrungen bot den Schweſtern „die 6 Namen des Ftonleſchnen e die Mn

„Münch von Hailsbrunne“ (Ba yern) verfaßt hat und d „deutſche Dialog vom Abendmahl“, von einem abend

beides find wahre Blütenleſen euchariſt I tiſcher Gedanken au 3 61 goldenen Schatze der Kirchenväter. Mit ihnen ai: richten noch andere Abhandlungen über den unermeßlichen

Wert der hl. Meſſe, über den andächtigen Empfang der

7 öftern hl. Kommunion und die Bedeutung all’ der liturgiſchen

Gebräuche. Sie leiten die Benediktinerinnen an, der heiligen

Medſſe auf die fruchtbrin

5 5 I gendſte Art beizuwohnen und

dacht zu den fieben Gaben des hl. Geiſtes, die ſich zu einem [ Geb j a wohnen und ſich den cht z ) h ) ö 4 ebeten des Prieſters nach Möglichkeit anzuſchließen.

91

74 7 I .

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Wie ſchön begleitet Band Nr. 515 fie zum Evangelium: „Herr, ich befehl' mich heut und immerdar in deiner heiligen Evangeliſchen Lehr“ und Wahrheit und bitt' dich, lieber Herr, daß du mich empfänglich macheſt für die heilige Wahrheit.“ i

Zum ſtillen Kanon ſollen die Schweſtern beten: „Mein Herr und mein Gott, durch die ſtille, ſüße Wonne deiner göttlichen Gnaden, gib mir ſündigem Menſchen wahre ſtille Geduld in aller Widerwertigkeit, um einſt die glänzenden, ſtillen Freuden deiner verborgenen Gottheit ewiglich zu ge⸗ nießen.“ Dieſe tiefe Auffaſſung von der hl. Meſſe, die ganz an die Blütezeit der Myſtik im 13. und 14. Jahr⸗ hundert erinnert, kehrt auch in einer Abhandlung der Hand⸗ ſchrift 1004 wieder, wo der erſte Teil des hl. Meßopfers auf die geiſtige Erleuchtung der Seele, der zweite Teil auf unſere Aufopferung an Gott den Vater und der dritte Teil auf die ewige Vereinigung mit Gott hinweiſt.

Reben den Sonn⸗ und Feiertagen beſuchten die Schweſtern die hl. Meſſe auch an den Vigiltagen vor größern Feſten, an den Quatembertagen. Die Teilnahme an den großen

Tagen der Charwoche ward ihnen erleichtert durch die Ueber⸗ |

erfegungen und Erklärungen der Paſſionen und die hervor⸗

ragende Uebung ihrer Lieblingsandacht zum Leiden und Sterben Jeſu Chriſti, namentlich aber durch deutſche Epiſtel-

und Evangelien⸗Bücher. So war für die Schweſtern das Kirchenjahr ein feierlicher Umgang mit Chriſtus und ſeinen

Heiligen und eine Quelle tiefen Glaubens und inniger Gottes⸗

liebe. Von den Myſtikern hatten die Schweſtern von St. Wi⸗

borada auch eine hohe Verehrung der lieben Mutter Gottes übernommen. Sie ſpiegelt ſich nicht nur in den Tagzeiten

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der allerſeligſten Jungfrau, ſondern auch in ei ü herrlichen Gebeten und innigen Liedern, 115 115 500 erklangen. Einige Perlen dieſer Literatur ſind bereits durch den Druck bekannt geworden, wie 3. B. der „himmliſche Roſenkranz“ (Band Nr. 997) und das goldene Ave Maria (Band Nr. 934), das in 13 Strophen zu 13 Zeilen die einzelnen Worte des „Ave“ ſchildert:

„Gegrüßet ſigeſt du raini magt Groß lob und ere ſig dir geſagt Wan du geboren haſt den troſt, Der uns von Adams Vall erloſt Den Eva unſer muter ſchuff. Erhöre Maria mylnſen ruff.“

i Die Marienverehrung fand ihren beredte 5

im Rofenkranz. Letzterer zeigt in 125 Hane a ordentlich viele Verſchiedenheiten in Bezug auf Form und Zahl der Gebete, je nachdem die Geheimniſſe aus dem Leben des Heilands und ſeiner Mutter beliebig vermehrt oder für einzelne Feſte beſonders ausgewählt wurden. So gab es Weihnachts Paſſions⸗ und Oſter⸗Roſenkränze, deren Ge⸗ heimniſſe ſich nur mit dem jeweiligen Feſt befaßten. Zur Zeit des 17. Jahrhunderts erhält die Roſenkranz⸗Andacht einen Zug ins Naive und Süßliche, indem die andächtigen

Beterinnen die Dekaden und Gebete bald mit „Kreuzlein“

„goldenen Fäden“ und „Sternen“, bald mit „Karfunkeln“

„Rubinen“ und „Perlen“ als Sinnbilder chriſtlicher Wahr⸗

heiten zu einem Kranze vereinigten.

Großer Beliebtheit erfreute ſich auch die Verehrung

der hl. Anna und ihrer lieben Sippſchaft (St. Joſeph, Jo⸗

achim, Jakobus, Judas, Thaddäus, Salome). 93

St. Sebaſtian follte die Schweſtern vor der Peſt, Sankt Barbara vor einem jähen Tode bewahren. Dem Schutz⸗ engel weihten ſie das kindliche Gebet:

„O mein lieber Engel zart,

Bei der Tauf' ich dir empfohlen ward,

Daß du vor Sünden ſchirmeſt mich,

Die heute hab gebrochen ich.

O bitt für mich Fürſt hochgenannt 5 Bei dem, der dich mir hat geſandt. Amen.

eit mehr als heutzutage ward die Andacht zu den

20 und ee des Kloſters 5 Gallen gepflegt. Die Heiligenleben von Gallus, Othmar, agnus und Wiborada ſind zweimal vom Lateiniſchen ins Deutſche überſetzt, erſtere drei nach Walaftied Strabo, letztere 1 Hepidann. St. Notker iſt mit einer Biographie vertreten. Auch in den Allerheiligen⸗Litaneien kehren dieſe Sankt Galler Hausheiligen mit St. Kolumban, Onofrius, Aegidius und dem ſeligen Tutilo wieder. Zu ihnen gejellen fie) 105 Auserwählten Gottes, die als Patrone der Diözeſe, einze 1 Kirchen oder einzelner Landesteile der Schweiz ihnen ae waren, wie St. Konrad, St. Ulrich, St. Pelagius, St. Wo F gang, Leonhard, Georg, St. Mauritius und feine 11 810 St. Beat (Batt), St. Jodocus und die hl. Regula. uch St. Wiborada und St. Fides treffen wir in ihrem Chore. Eine Schrift aus der Mitte des 16. ee macht die Kloſterfrauen auch mit „Bruder Klaus von Unter⸗

walden“ bekannt und mahnt ſie, wie der ſelige Landesvater,

die Betrachtung des Leidens Jeſu Chriſti au BEL: Die gute Meinung ſollte die Schweſtern immer 1

zu neuer Andacht entflammen, auf daß ſie „kain 1100

verdrießlich oder müßiglich, ſondern allweg in der geſellſchaft

94

Jeſu verblieben.“ Am Sonntag galt das Gebet der ge⸗ ſamten Chriſtenheit, am Dienstag der Bekehrung der Sünder, am Mittwoch dem Jungfrauen⸗, Ehe⸗ und Wit⸗ wenſtand ꝛc. In den Kranz der Gebete reihten ſich endlich noch eine Anzahl von Liedern (Pilgerlied, Weihnachtslied (Band 961), Hymnen und Sequenzen.

5. Die Schriften der Myftiker.

Das geiſtliche Leben kann nicht gedeihen, wenn es nicht durch das Wort Gottes genährt wird. Unter den Predigern, deren Werken wir in den Handſchriften begegnen, nennen wir:

St. Bernhard, den Kirchenvater des Mittelalters (1091 bis 1153. (Band Nr. 1000).

St. Bonaventura, (12211274) der im „Lignum vitae“ einige Verſe der geheimen Offenbarung des hl. Jo⸗ hannes auf myſtiſche Weiſe auslegt. (Band Nr. 989).

Bruder Niklaus v. Straßburg, den Lehrmeiſter zu Köln, (Fc. 1329), der bei feinem Aufenthalt in Freiburg im Breisgau in der Prediger⸗Kirche und bei St. Agnes einige deutſche Predigten gehalten. (Band Nr. 1066).

Rudolf Goldſchlacher, einen ſonſt unbekannten Lehr⸗ meiſter der Dominikaner. (Band 1066). N

Meiſter Eckehart, (+ 1327), Provinzial der Domini⸗ kaner der ſächſiſchen Provinz. (Band Nr. 1066).

Tauler Johannes (+ 1361), den originellen, tieffinnigen Prediger von Straßburg. (Bände Nr. 1066, 1067, 965). Was für eine wertvolle Befruchtung des innern Kloſter⸗

lebens boten endlich all' die zarten Schriften der Myſtiker, die das geiſtliche Leben in ſeiner Geſamtheit behandeln! Mit großem Verſtändnis haben die Bücherſchreiber gerade

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das Beſte ausgewählt. i

St. Bernard begegnet uns mit kleineren Traktaten auf Schritt und Tritt. Der ſelige Albert der Große feſſelt mit ſeinen Abhandlungen über das „Geiſtliche Leben“ und „Die Tugenden“.

St. Brigitta und St. Gertrud teilen von ihren Offen⸗ barungen mit; Bruder Humbertus (T 1277), der 5. General der Dominikaner, erinnert die Schweſtern an ihre 3 Gelübde.

Johannes Ruysbrock, (F 1381), an ihre geiſtige Hochzeit.

Meiſter Ekkehart zeigt ſeine Gedankentiefe im „Buch von den 5 Broten“, während der ſelige Heinrich Suſo durch feine liebe⸗glühenden „Minnebriefe“ und durch ſein „Büchlein von der ewigen Weisheit“ die Herzen entzündet.

Mehrmals kehrt das „Bottbuch“ des Franziskaners Markus von Lindau (F 1392) wieder, eine herrliche Aus⸗ legung der zehn Gebote. Sein Zeitgenoſſe Otto von Paſſau, Lektor der Barfüßer zu Baſel, ſchreibt im Buch der „24 Alten“ gleichſam ein Lehrbuch für die minnende Seele.

Aus dem Kreis der „Gottesfreunde“ ſtammt Rulman Merswins „Buch von den 9 Felſen“, ein ernſtes Sitten⸗ gemälde des 14. Jahrhunderts und der „Schürenbrand“ des Bruder Klaus von Blafelden, der ſeine Kenntniſſe von einem „Gottesfreund“ auf dem Erdbeerenberg bei Winter- thur, wo einſt ein Auguſtiner⸗Kloſter geſtanden, geſchöpft haben will. Ein unbekannter Kartäuſer, der in hohem Schwung von der Gottesliebe ſingt, wird eingeführt durch ſeinen Studiengenoſſen Meiſter Niklaus von Dinkelsbühl (Bayern) und von Herrn Hans Wildsgefert, einem gelehrten

Pfarrer zu Augsburg zu Criſtgarten empfohlen. (Band 1007). IE 5 35 8 Allerheiligen aus der Handſchrift der Stiftsbibliothek St. Gallen Untere Reihe links die hl. Wiborada. 16. Jahrhundert

Hild 19 Hilderklärung Seite 24

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Aus dem Ende des 15. Jahrhunderts ſtammt die „Geiſt⸗ liche Ritterſchaft“ Joh. Tritheminus des Abts zu Spanheim und Würzburg (F 1516) und die Unterweiſung eines ober⸗ deutſchen Mönches, der als ehemaliger Arzt manche Gewiſſens⸗ fragen der Kloſterfrauen auch vom mediziniſchen Standpunkt aus behandelt, eine Schrift, die wohl nur dem Beichtvater zur Verfügung ſtand. Die zumeiſt Thomas v. Kempis zu⸗ geſchriebene „Nachfolge Jeſu Chriſti“, eine der edelſten Früchte der ganzen deutſchen Myſtik, war den Schweſtern zu Sankt Georgen Jahrzehnte ſchon bekannt, bevor ſie erſtmals 1468 zu Augsburg durch den Druck veröffentlicht worden war.

B. Die Bauten des Kloſters St. Wiborada.

Ueber den Bau des Kloſters hat Herr Architekt Dr. Aug. Hardegger die vorhandenen Archivalien zu Rate gezogen, denen ſich auch der Erklärer der Handſchriften anſchließt.

Nach den Rohmaterialien, die 1477 1487 durch Fron⸗ dienſte herbeigeſchafft wurden, ſcheint dieſem Jahrzehnt eine bedeutende Bauperiode zuzuweiſen zu ſein. Man darf der⸗ ſelben die heutige Kirche von St. Georgen zuſchreiben, mit Ausnahme des öſtlichen Anbaues, der dem 17. Jahrhundert angehört und die Stelle der ehemaligen Wiborada⸗Kapelle einnimmt.

Da mit der Kirche auch ein Hausbau, das heißt der⸗ jenige des Kloſters genannt wird, dürften die bisherigen

5 zerſtreut wohnenden Klausnerinnen um dieſe Zeit eine ge-

meinſame Wohnſtätte bezogen haben, wo ſie als Wald⸗

ſchweſtern ihre Regel befolgten. Die Frage, ob ſich aus dieſer Zeit noch Bauteile erhalten haben, möchten wir mit dem Hinweiſe auf den großen überwölbten Raum beantworten, in dem der Wiborada⸗Brunnen fein Waſſer ſpendet. Die

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